Hama ist ein Begriff für Fotozubehör – aber nicht nur. Was noch alles hinter diesem bekannten Markennamen steht, haben wir anlässlich eines kürzlichen Besuchs im bayerischen Monheim erfahren können. Hier gehen täglich 7000 Pakete auf die Reise in alle Welt …
Begonnen hatte alles 1923 in Dresden als der Fotograf Martin Hanke begann Fotozubehör und Laborartikel herzustellen. Währendes des Zweiten Weltkriegs ausgebombt übersiedelte Hama 1945 ins bayerische Monheim, wo Hama heute mit dem Hauptsitz und einem gigantischen Logistikzentrum der grösste Arbeitgeber ist.
In einer Vitrine erinnern einige Objekte an die Anfänge von Hama, darunter ein synchronisiertes Blitzpulvergerät und eine Boxkamera
Was einst mit Fotozubehör begann, ist heute ein Unternehmen mit einem sehr breiten Tätigkeitsfeld. Durch die Entwicklung der Kameratechnik und die Substitution mechanischer Teile durch integrierte Elektronik, wurden viele Zubehörteile überflüssig, so dass der Zubehörhandel im Fotobereich, vor allem auch unter dem Einfluss der Digitalisierung, von immer geringerer Marktbedeutung wurde. Während andere Fotozubehörfirmen diese Existenzprüfung nicht bestanden, diversifizierte Hama in neue Geschäftsfelder, in Kabel für die Unterhaltungselektronik beispielsweise, in ein Taschen- und Rucksackangebot oder in den Haushalts- und Lifestyle-Bereich. Damit hat Hama nicht nur überlebt, sondern den Konzern auf eine breitere und gesunde Basis gestellt.
Je nach Tätigkeitsfeld tritt Hama auch unter einem anderen Eigenmarkennamen auf, wie beispielsweise «Avinity» für die Unterhaltungselektronik, «Coocazoo» für Rucksäcke und Koffer, «Exxter» für Computerzubehör, «Step-by-Step» für Schultheks oder «Xavax» für Haushaltprodukte. Insgesamt gibt es 19 eingetragene Markennamen für Hama. Zudem werden Hama-Produkte von mehr als 20 Lizenzmarken angeboten.
Hama heute
Heute umfasst das Produktesortiment von Hama rund 18’000 Artikel, davon entfallen etwa ein Viertel auf den Fotobereich. Jährlich kommen etwa 3’000 neue Artikel hinzu, und ebenso viele werden aus dem Sortiment gestrichen, weil sie am Markt nicht mehr gefragt sind.
Damit diese Menge von Artikeln verwaltet, gelagert, effizient umgeschlagen und rechtzeitig an den Kunden geliefert werden kann, braucht es ein immenser Aufwand an Lagerkapazität und Logistik. Hama hat dazu ein gigantisches Logistikzentrum in Monheim errichtet, das in den letzten Jahren ständig erweitert wurde. Hier gehen rund 7’000 Pakete oder eine halbe Million Artikel auf die Reise zu Kunden in aller Welt – und dies pro Tag!
Das Logistikcenter wurde in den letzten Jahren mehrfach erweitert und hat heute eine Gesamtfläche von 80’000 Quadratmeter – das sind rund elf Fussballfelder (Foto: Hama)
Rund 2000 Paletten Ware, vorwiegend aus dem fernen Osten, werden täglich im Logistikzentrum in Monheim angeliefert. Diese müssen hier ausgepackt, das Material erfasst, eventuell weiterverarbeitet, mit marktgerechten Verpackungen versehen und schliesslich an rund 70’000 Palettenstehplätzen so gelagert werden, dass ein reibungsloser Produktefluss gewährleistet ist.
In drei verschiedenen Hochregallager werden bis zu 70’000 Paletten gelagert. Nur der Computer weiss, welche Ware wo zu finden ist
Dazu gibt es im Hama Logistikzentrum drei verschiedene Hochregallager in denen die Ware chaotisch eingelagert ist. Das grösste ist 118 Meter tief, 65 Meter breit und 25 Meter hoch. «Chaotisch» heisst in der Fachsprache, dass die Ware nicht etwa alphabetisch oder numerisch abgelegt ist, sondern dass die Lagerkapazität bestmöglich ausgenutzt wird. Nur der Computer weiss barcodegesteuert, wo was eingelagert ist, und die schnellen Lagerlifte, sowohl automatische als auch manuelle, bringen die Ware absolut verlässlich zum optimalen Zeitpunkt und in der richtigen Menge zu dem Kommissionierplätzen.
Wie von Geisterhand gelenkt rasen die grauen Transportbehälter über die Förderbänder und gelangen zu den Kommissionierplätzen, wo jede Sendung für den Kunden individuell bearbeitet wird.
Auch hier ist intelligente Logistik gefragt: Für jeden Artikel ist die Packungsgrösse und das Gewicht hinterlegt. Bei Bestellungseingang wird sofort automatisch die erforderliche Grösse der Endverpackung bestimmt, damit der Karton am entsprechenden Kommissionierplatz ist, wenn alle bestellten Artikel aus dem Lager zusammengetragen sind – ein komplizierter aber äusserst ausgeklügelter Vorgang. Alle Arbeitsabläufe sind hier perfekt aufeinander abgestimmt. Es ist «ein ideales Verhältnis von Automation und menschlicher Kontrolle» wie Roland Handschiegel, Leiter der Logistik sagt. «Dieser Mix bleibt allerdings unser kleines Geheimnis …»
Die Arbeit am «Pickplatz»: Die bestellte Warenmenge wird dem Quellbehälter entnommen und die Restmenge fährt zurück ins Lager. Sind alle Artikel beisammen wird der Karton versandfertig gemacht. Früher gab es 42 solche Fertigstellplätze, heute ist der Ablauf so optimiert, dass mit 15 Arbeitsplätzen eine noch höhere Kapazität erreicht wird.
Zur Adressiermaschine und ab die Post …
Was zurückkommt wird nicht weggeworfen
Recht aufwendig sind für Hama die Kundenretouren. Produkte, die angeblich defekt sind, deren Verpackungen beschädigt sind oder die nicht mehr verkäuflich sind, kommen von den Handelspartnern zurück und werden in einer speziellen Abteilung verarbeitet.
Hier werden Kundenretouren sortiert. Was neuwertig ist wird neu verpackt, was defekt ist wandert zur Rezyklierung.
Jedes einzelne Produkt wird hier auf Funktion und Verkaufszustand geprüft und entschieden, ob es wiederverwendet oder rezykliert wird. Oft ist ein Produkt perfekt in Ordnung und es wird retourniert, weil der Kunde damit nicht zurechtgekommen ist oder weil die Verpackung durch mehrmaliges Öffnen derart beschädigt ist, dass das Produkt nicht mehr verkäuflich ist. Dann wird es bei Hama nochmals endkontrolliert, neu verpackt und kommt wieder in den Warenfluss.
Lager von Verpackungsmaterial in Kleinmengen für die Konfektionierung von retournierter Neuware
Damit diese Einzelbearbeitung effizient möglich ist, bedarf es einem Handlager an Kleinverpackungen, das wiederum chaotisch und mittels Barcodes organisiert ist. Auf Grund der Artikelnummer gibt der Computer den Standplatz der entsprechenden Verpackung, der Bedienungsanleitung und der Blisterpackung an, damit aus Alt wieder Neu werden kann. Alles in allem eine sinnvolle Massnahme von Hama gegen unnötigen Industriemüll.
Was schlussendlich doch entsorgt werden muss, kommt in ein mehrstufiges Rezykliersystem. Hier werden Verpackungen, Produkteteile und Restmaterial bestmöglich nach ihren Grundstoffen getrennt und spezialisierten Verwertungsbetrieben zugeführt.
Tests und Qualitätssicherung
In Monheim selbst gibt es schon lange keine Artikelproduktion mehr. Die Fabrikation ist zu Herstellerfirmen vorwiegend in China ausgelagert, unterliegt jedoch strengen Qualitätskontrollen durch Hama Monheim. Die rund 3’000 neuen Artikel, die pro Jahr neu hinzukommen, werden in der Qualitätssicherung strengen Prüfungen unterzogen.
Blick in ein Testlabor von Hama. Hier werden unter anderem elektromagnetische Strahlen gemessen
Etwa 40 Mitarbeiter sind hier mit der Produktprüfung mit modernstem Equipment beschäftigt. Geprüft wird zunächst ein Erstmuster, dann das serienreife Produkt und schliesslich jede Charge beim Wareneingang. Hierbei wird minutiös kontrolliert, ob die technischen Angaben und das verwendete Material korrekt sind, ob das Produkt der elektrischen Belastung und den mechanischen Einwirkungen standhält, ob es beständig gegen Hitze und Kälte ist und ob es der angegebenen Schadstoffklasse entspricht. Letztlich muss ein Neuprodukt, falls erforderlich, von mehreren Zertifikationsinstituten freigegeben werden, damit es mit den entsprechenden Prüfzeichen in Europa und in den einzelnen Exportmärkten auf den Markt kommen darf.
Hama führt in ihrem Testlabor auch verschiedene Materialermüdungsprüfungen durch. Hier werden gerade neue Schultheks geprüft. Jeder ist mit zehn Kilo belastet und muss 50’000 horizontale Schwenkbewegungen in beiden Richtungen überstehen, damit er eine Chance hat auf den Markt zu kommen. Ein weiterer Schulthek muss gerade einen Falltest über sich ergehen lassen.
Hama arbeitet weitgehend autark
Die Produkte werden von den Herstellern auf verschiedenste Arten in den grossen Containern angeliefert. Einige liefern die Artikel nach Angaben von Hama fix-fertig endverpackt, andere kommen als Bulkware in Kartons und Kisten und müssen hier in Monheim marktgerecht konfektioniert werden.
Um Lagerfläche zu sparen produziert Hama einen grossen Teil ihrer Verpackungen selbst vor Ort und mehr oder weniger bedarfsweise. Das beginnt schon mal in der Grafikabteilung, läuft dann über eine gut eingerichtete Digitaldruckabteilung bis hin zur hauseigenen Herstellung von Blisterverpackungen.
In der Digitaldruckerei sind zwei moderne Druckmaschinen von HP im Einsatz, eine für den vierfarbigen Bogendruck und eine weitere für das Bedrucken von Kunststoffplatten
In der Digitaldruckerei steht unter anderem eine moderne HP Indigo Maschine, auf welcher neben Verpackungsbogen auch Werbematerialien und andere Drucksachen produziert werden. Insgesamt ist hier ein Maschinenpark von zwei Digitaldruckmaschinen für den Bogendruck, eine für das Bedrucken von Kunststoffplatten, ein Stanzautomat, ein Planschneider und diverse Verarbeitungsgeräte zu finden.
Hier werden aus Polyethylen-Folie die Blisterpackunen triefgezogen. Fünf solche Anlagen produzieren im Dreischichtbetrieb 300 Varianten von Blisterhauben und Folieneinsätzen
Auch die Herstellung der Blisterverpackungen erfolgt inhouse. Hier werden im Dreischichtbetrieb pro Monat 3,5 Millionen Verpackungen aus Polyethylen-Folie tiefgezogen und ausgestanzt. Noch ist es Polyethylen, doch erfolgt allmählich eine Umstellung auf das umweltfreundlichere PET. Allmählich deshalb, weil PET eine höhere Verarbeitungstemperatur bedingt und als härteres Material auf neueren Maschinen verformt werden muss, die nun sukzessive die älteren ablösen. Auch die Werkzeuge für die Blisterproduktion werden im Hause hergestellt.
Hama zeigt was sie hat
Für die interne und externe Schulung, aber auch als Beispiel einer wirkungsvollen Produktepräsentation, unterhält Hama in Monheim mehrere Showrooms mit einer gesamten Ausstellungsfläche von mehr als 2’000 Quadratmetern.
In einem der Ausstellungsräume werden die Fotoprodukte gezeigt …
… in einem anderen die Utensilien für den Living-Bereich
Hier werden auch regelmässig Verkauftrainings durchgeführt
Hier werden die wichtigsten und aktuellsten Produkte übersichtlich und grosszügig präsentiert. Zusammen mit dem eigenen Seminarzentrum werden hier auch Verkaufsschulungen und Workshops veranstaltet. Es findet auch jedes Jahr die Hausmesse statt, zu welcher rund 1500 Handelspartnern aus aller Welt eingeladen und mit den neuesten Produkten vertraut gemacht werden. Weiter führt Hama regelmässig Verkaufschulungen und Workshops durch. Hama ist zudem der wichtigste Ausbildungsbetrieb der Region.
Alles in allem
Der Besuch bei Hama in Monheim war recht eindrücklich, nicht zuletzt deshalb, weil man sich aus der Fotobranche kommend keine Vorstellung davon macht, was hinter dem Markennamen «Hama» noch alles steckt. Hama hat seit unserem letzten Besuch nicht nur das Logistikzentrum enorm ausgebaut, sondern in viele andere, spannende Geschäftsbereiche diversifiziert. Beeindruckend auch der hohe Qualitätsanspruch, der hier vorherrscht, sowie die ausgeklügelte und optimierte Logistik. Wahrscheinich sind diese Faktoren das Geheimrezept dieses erfolgreichen Zubehörlieferanten.
Text und Bilder: Urs Tillmanns
Weitere Informationen finden Sie unter ch.hama.com
Hama in Zahlen
Konzernumsatz p.a. | 500 Millionen Euro |
Standorte weltweit | 18 |
Anzahl Tochtergesellschaften | 19 |
Mitarbeiter weltweit davon in Deutschland |
2’500 1’500 |
Vertreten in | 70 Ländern |
Handelspartner weltweit | 30’000 |
Aussendienstmitarbeiter in Europa | 550 |
Anzahl Artikel davon Foto |
ca 18’000 ca 4’500 |
Anzahl Pakete pro Tag | Ø 7’000 |
Gründungsjahr | 1923 |
Danke lieber Urs, so ausführlich wurde glaube ich noch nie über HAMA berichtet. Beste Grüsse Jürg von Hama